Hier ein paar Zitate aus „Mein Leben im Schrebergarten“ von Wladimir Kaminer:
(1) Das Bemühen der Stasi, für jeden Bürger eine Akte anzulegen, führte dazu, dass das Lesen der eigenen Stasiakte nach der Wende zu einer Art Volkssport wurde, zu einem Wettbewerb, bei dem es in erster Linie darum ging, wer die dickere Akte hatte. Ein DDR-Bürger ohne Akte fühlte sich dagegen aus der Geschichte des eigenen Landes herausgeworfen, so als wäre er gar nicht dabei gewesen. Ich beruhigte meine Nachbarin nach Kräften und erzählte ihr, dass wir in der Sowjetunion auch alle Dissidenten waren, aber höchstens jeder Zehnte eine eigene Akte bei der KGB hatte – schon allein wegen der Papierknappheit.
S. 45
(2) Im großen und ganzen glich die Anthologie Der Sinn des Lebens unserer Biotoilette. Hunderte und aberhunderte von Denkern füllten sie mit ihren quallvoll gewonnenen Erkenntnissen und Erfahrungen, und trotzdem schien sie leer zu sein.
S. 58

Schrebergarten
(3) Gehe heute in den Park, schrieb Leo Tolstoi an die zukünftigen Bewunderer und Leser seiner Tagebücher. Muss dringend ein paar Ideen für das neue Kapitel meines aktuellen Romans sammeln.
Dieser Satz gefiel mir sehr, und jedes Mal, wenn wir an einem Weingeschäft oder einer Bierstube im Park vorbeigingen, sagte ich meiner Frau, ich müsse dringend da hineingehen, ein paar Ideen für das neue Kapitel meines aktuellen Buchs sammeln.
S. 153 f.
(4) Aber die Japaner interessieren sich nur für Porzellan. Deswegen steht die Meißner Brauerei jedes Jahr kurz vor der Insolvenz, und jedes Jahr im Sommer heißt es dann für die Einheimischen: Die Brauerei muss gerettet werden. Die Abende werden länger, der Weg nach Hause anstrengender, denn man darf in Meißen nicht zu sehr torkeln, sonst geht alles kaputt.
S. 202
( 5) Der Gedanke der Endlichkeit ist mein Lieblingsgedanke, allerdings denke ich nur im Spätherbst über ihn nach – angesichts der vielen Fruchtfliegen, die in dieser Jahreszeit alles dominieren und deren Zeit viel knapper als meine bemessen ist. Niemand aus diesem leise summenden Volk wird mit uns Weihnachten verbringen.
S. 207
…
Ich möchte an dieser Stelle mit einer Schweigeminute der vielen Fruchtfliegen gedenken, die nicht mehr unter uns sind.
S.208 f.
(6) Die echte Liebe ist unvernünftig, sie entsteht dem eigenen Vorteil zum Trotz.
S. 209
Schlagworte: Betrunken, Buch, DDR, Garten, Idee, Liebe, Philosophie, Schriftsteller, Stasi, Wladimir Kaminer, Zitat
2. Juli 2009 um 16:41 |
wusste garnicht dass man buchzitate bingen darf
werd ich dann auch mal tun
danke
2. Juli 2009 um 16:42 |
bringen darf meine ich
hatte mich verschrieben sorry